Tutorial zur poetry reduced

Wow – was für ein Auftakt in das Jahr der Miniaturen! Ich komme auf Instagram kaum hinterher, alle #jahrderminiaturen und #yearoftheminiatures Einträge zu verfolgen und zu kommentieren. Wie großartig, dass so viele mitmachen. Noch haben beide # unter 100 Einträge, doch ich vermute, das sprengen wir diese Woche mit 2/52: Kinderspiel.

Mein Beitrag dazu kommt am Freitag. Heute geht es um ein kleines Tutorial, wie ich meine poetry reduced angehe. Vergangene Woche hatte ich gefragt, ob euch dazu ein paar Tipps interessieren würden, und so kommen jetzt ein paar Vorschläge und Anregungen für euch.

Alles beginnt mit der Wahl der Bücher, denen ihr Wörter entnehmt. Mein Tipp: Fachbücher aus dem Tierreich oder der Anatomie, alte Kinderbücher mit nicht zu großer Schrift oder auch die alten Romanhefte wie Bergdoktor oder Western.

Der Grund: Besondere Wörter wie Zwielichtzone oder Zahnformel kommen nun mal gehäuft in Fachbüchern vor. Bei Kinderbüchern ebenso wie den alten Romanheften (die neuen kenne ich zu wenig) ist es vor allem die bildhafte Sprache, die mich begeistern. Zudem mag ich die gewisse Entfremdung der Sprache durch eine andere Schreibweise wie etwa “…ein ganz fideles Mädchen”. Das würde man heute vermutlich weniger in Texten finden. Solche Bücher findet ihr übrigens hervorragend in den offenen Bücherregalen eurer Stadt!

Als nächstes ist wichtig, dass ihr wahllos eine Seite eures gewählten Buches entnehmt und das Buch dann beiseite legt. Auf einer Seite ist schon so viel Gutes enthalten, das reicht locker für mehrere kurze Texte. Lasst euch überraschen von dem, was die Seite euch bietet. Ich überfliege die Seite lediglich ganz kurz, bevor ich sie ausreiße, aber lese sie nicht genau durch. Der Grund: Beim Durchlesen denke ich sofort, dass ich nicht genügend Wörter finden könnte und suche die nächste Seite. Auf der ist es dann ähnlich, und ich gehe zur nächsten. Und so weiter. Am Ende ist viel Zeit vergangen, ohne dass ich überhaupt etwas geschafft habe.

Mein Tipp also: Reduktion! Reißt eine Seite raus und arbeitet ausschließlich mit dieser. Das reicht dicke!

Ich beginne nun, die Seite zu lesen und Wörter zart mit dem Bleistift zu umkringeln, die mich direkt ansprechen. Das sind besondere Wörter wie “Sandmulde” oder “Dünen”, das sind besondere Verben wie “kuscheln” oder “verstummen” oder auch Adjektive oder Partizipien wie “molligen” oder “stilles”. Mein Tipp: Denkt noch nicht daran, wie all das zu einem Text werden könnte, sondern streicht wirklich alles an, was euch auffällt.

Als nächstes geht es ans Ausschneiden der umkringelten Wörter. Hier ist mein Tipp: Schneidet möglichst wenig in die Zeilen darüber oder darunter und wenig von dem der umliegenden Wörter weg. Wir werden nachher weitere Wörter ebenso wie etwa Artikel, Pronomen oder andere Endungen wie -en für unseren Text brauchen.

Meine Erfahrung zeigt, dass sich in diesem Schneide-Schritt bereits Wörter für einen Text hervortun oder dass sich ein, zwei, drei Wörter besonders in den Vordergrund stellen. Diese wollen dann auch genommen werden. Sprich: Lasst euch von Wörtern ansprechen oder wählt Lieblinge aus, sobald ihr alle umkringelten Wörter ausgeschnitten habt.

Bei meinem Beispiel waren es gar nicht mehr so sehr die molligen Sandmulden oder Dünen, die ich anfangs erwartet hätte, sondern der Halt, die Gedanken, die Weile… Mein Tipp: Lasst euch von eurer Wahl selbst überraschen!

Wenn ihr eure ansprechenden Wörter gewählt habt, beginnt der Prozess des Auffüllens: Wie stehen die Wörter in Verbindung, welche Verben oder Pronomen, Artikel oder Adjektive gefallen mir dazu? Dieser Schritt ist oftmals gar nicht so klar getrennt von dem vorherigen zu sehen. Wie gesagt: Lasst euch von euren Wörtern ansprechen und leiten. Meist verlangen die bereits im Ausschneideprozess nach Aufmerksamkeit und geben euch eine Idee nach einem passenden Verb eurer Seite oder nach einem ergänzenden oder kontrastierenden Nomen. Und da ihr eure Seite nun gut kennt, findet ihr diese anderen Wörter. Mein Tipp: Achtet nicht auf Groß- und Kleinschreibung oder auf andere grammatikalische Besonderheiten. Wenn ihr eigentlich “Wunsch” statt “Wunschlos” benötigt, könnt ihr das später abschneiden. Wenn es “stille” statt “stilles” sein soll, könnt ihr das später anpassen.

Arrangiert nun euren Text in der Rohform. Schneidet momentan noch nicht zu viel weg (siehe vorheriger Tipp), sondern schiebt die gewählten Schnipsel hin und her, wie es für euch passt. Fehlt noch ein “die”, “du” oder “kein” – sucht im Text. Mein Tipp: Bei diesem letzten Schritt des Arrangierens und nochmaligen Suchens nach weiteren Minibausteinen kann es hilfreich sein, auch auf die Rückseite des Blattes zu schauen. Dennoch gilt: Geht nicht zum Buch zurück, sondern arbeitet mit der Reduktion. Wenn ihr ein Wort nicht findet, lasst euch von einem anderen ansprechen.

Die Feinarbeit im letzten Schritt heißt lediglich, den Text genau passend zusammenzuschneiden. Aus “stilles” wird “stille”, weil das e am Ende ganz knapp weggeschnitten wurde. Aus “Wunschlos” wird “Wunsch”. Und das “verstummt” hat ein e hinzubekommen, damit “verstummte Augen” grammatikalisch zueinander passen. Mein Tipp: Wenn ihr Wörter durch andere Endungen oder Zusammensetzungen zweier Wörter verändern wollt, schneidet diese zum einen sehr knapp ab. Und nutzt zum anderen die Ränder eurer Buchseiten zum Zusammenkleben. Wenn dann etwas Papier nach dem Kleben oben und unten übersteht, ergibt das aufgrund der gleichen Papierfarbe und -art dennoch ein stimmiges Bild.

Wie und wo ihr euren Text nun hinklebt oder einfügt, ist natürlich abhängig von der Wahl des Untergrunds. Papier auf Papier klebe ich mit einem Klebestift. Bei Papier auf Stoff nutze ich schmales, doppelseitiges Klebeband. Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht. Auch hier meine Tipps: Macht euch vor dem Aufkleben ein Foto eures Textes. In der Euphorie des Klebens kann sonst durchaus mal eine Zeile anders lauten. Das muss überhaupt nicht schlimm sein, aber vielleicht wolltet ihr das nicht. Wer mit Klebeband arbeitet, dem kann ich empfehlen, einen langen Streifen abzurollen und vom letzten Wort ausgehend alle Wörter auf einmal aufzukleben. Dann habt ihr einen Streifen, den ihr nur noch zurechtschneiden müsst. Auch hier hilft das Foto ggf. für den Zeilensprung. Wer mit Klebestift arbeitet: Lasst den Stift stehen und zieht die Rückseite eures Wortes über den Stift – das ist einfacher. Schließlich: Mit Pinzette lässt sich hier am besten arbeiten!

So. Nun hoffe ich, dass diese Schritte hilfreich waren. Ihr seht: Kein mega Geheimnis! Ganz entscheidend sind die Wahl des Buchs und die Reduktion auf eine Seite. Alles andere ergibt sich durchs Üben und Zurechtlegen der Wortschnipsel. Wer weitere Tipps oder andere Vorgehensweisen hat: Schreibt sie doch gerne unten in die Kommentare! Danke!

Verlinkung: Das Jahr der Miniaturen

frau nahtlust

16 Kommentare

  1. Oh, danke für deine tolle Anleitung! Es ist eine gute Anregung für mich, von vornherein nur eine Seite auszuwählen und sich auf diese zu beschränken. Ich bin sonst eher die, die stundenlang in diversen Büchern nach ganz bestimmten Sätzen sucht…perfektionistisch, wie ich bin… wobei ich dann manchmal andere schöne Sätze finde, die ich dann ausschneide und für ein anderes Mal aufhebe. (In diesen Klappfotoalben, bei denen man den Inhalt sieht) Du siehst also, ich liebe die alten Bücher genauso wie du, nur gehe ich etwas anders vor. Aber dein Tipp ist eine gute Ergänzung für mich. Danke!
    Liebe Grüße von Andrea

  2. Danke Susanne für Dein anregendes Tutorial. Das werde ich bestimmt bald mal ausprobieren. Zum Glück liegen in unserer Bücherzelle ab und solche Romane.
    Viele Grüße
    Anke

  3. Darauf habe ich lange gewartet, obwohl du es mir schon einmal erklärt hast, finde ich es großartig, deine Vorgehensweise einmal so zu kompakt zusammengefasst zu lesen.
    Anders herum, Zeilen oder Worte zu sammeln und irgendwann wieder zu finden, das funktioniert meist nicht. Ich finde immer wieder mal Schnipsel, die ich vor längerer Zeit ausgeschnitten habe, und die dann doch nicht passen.
    Das Kinderspiel habe ich noch nicht in Angriff genommen, aber beim Aufräumen einiges dafür gefnden. Mal schauen, ob es sich fügt.
    Schöne Woche wünsche ich.
    LIebe Grüße
    Michaela

  4. Super Anleitung!.ich bin ein großer Lyrikfan und wenn ich etwas finde, was mich sehr anspricht und auch weiter beschäftigt, dann versuche ich ich das in ein Bild oder Collage einzuarbeiten. Übrig gebliebene oder nicht gebrauchte Schnipsel sammel ich in einer “Schatzkiste”. Liebe Grüße vom grauen Niederrhein! Mareile

    • Liebe Susanne,
      für mich kommt deine zolle Anleitung genau im richtigen Moment. Kann ich deine wertvollen Tipps doch gleich beim nächsten Miniaturthema ausprobieren. Ich hätte mich sicher gsnz anders auf Textsuche begeben. Danke für die Inspiration.
      Liebe Grüße Anke

  5. ha, ha, gerade gestern hab ich wieder diverse bücher gewälzt. ein ergebnis davon findest du später auf instagram…
    der tipp mit nur einer seite ist gut, ich verzettele mich nämlich auch leicht und schwuppdiwupp liegen fünf, sechs bücher auf dem arbeitstisch ;))!
    danke fürs tutorial und liebe grüße
    mano

    • Liebe Susanne,
      für mich kommt deine zolle Anleitung genau im richtigen Moment. Kann ich deine wertvollen Tipps doch gleich beim nächsten Miniaturthema ausprobieren. Ich hätte mich sicher gsnz anders auf Textsuche begeben. Danke für die Inspiration.
      Liebe Grüße Anke

  6. Oh wie spannend. Was so alles zwischen zwei Buchdeckeln schlummert, oder!? Und normalerweise übersieht man das einfach im großen Zusammenhang der Geschichte/des Textes.
    Auf Nr. 2 in Deinem Minitaurenjahr freue ich mich schon. Mein Beitrag dazu kommt morgen.
    Viele liebe Grüße maika

  7. Liebe Susanne, das ist eine tolle Anleitung geworden! Vielen Dank!! Mir geht es wie Andrea – nur dass bei ihr super Ergebnisse rauskommen und bei mir keines. Perfektionismus ist nicht immer hilfreich! Ich hoffe immer noch auf “Fearless Creativity” ;-)) Herzliche Grüße, Claudia

  8. Das hast du ganz super aufgereitet, liebe Susanne, und sogar noch mit Klebehilfen versehen! Den allerbesten Tipp finde ich ja, sich nur auf eine Buchseite zu konzentrieren und mit dem kreativ umzugehen, was man dort vorfindet!
    Sehr großartig, wie viele sich ins Miniaturenjahr begeben haben! Es macht einfach Spaß, sich durch die Ideenvielfalt zu klicken!
    Liebe Grüße – Ulrike

  9. Das war jetzt sehr interessant zu lesen. Irgendwie denk ich, dass ich das bestimmt nicht hinbekommen würde, dass es nie passen würde… und gerade deshalb macht es wirklich neugierig das mal zu versuchen! Danke für die Inspiration und einen schönen Abend 🙂

  10. wow, super ausführliche beschreibung deiner vorgehensweise. ja, nur eine buchseite zu benutzen ist ein guter tip, muss mich gleich mal auf die suche nach geeigneten büchern machen. danke, liebe susanne. herzliche grüße, martina

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